Remote-Entfremdung – es geht auch ohne!

Mit Blick auf die Digitalisierung und die damit einhergehende Integration von IT- und Softwarekomponenten steigt in einer speziellen IT-Disziplin der Bedarf nicht nur linear, sondern eher exponentiell an – in der Qualitätssicherung! Knappe Büroflächen, eine zunehmend schwierige Recruitingsituation und das wenig innovative Image der Qualitätssicherung verstärken das Problem deutlich.

Der Einsatz von externen QA-Consultants scheint auf den ersten Blick die Lösung zu sein, bringt aber auf den zweiten Blick auch einige Hürden mit sich:

  • Durch neue Gesetzgebungen (Arbeitnehmerüberlassungsgesetz) ergeben sich arbeitsrechtliche Folgen bei dem Einsatz eines oder mehrerer Testexperten; durch die angesprochene Nähe zum Kunden und die Integration in die Testprozesse des Kunden kommt es zu einer Arbeitnehmerüberlassung und den sich daraus ergebenden organisatorischen Folgen
  • Soll das Testteam beim Kunden direkt zum Einsatz kommen, ist es darüber hinaus notwendig, Räumlichkeiten und die entsprechende Technik für alle Beteiligten zur Verfügung zu stellen
  • Für ein externes Testteam muss das notwendige Budget bereitgestellt werden – durch die Vor-Ort-Tätigkeit des externen Testteams bzw. der externen Testexperten erhöht sich das Budget
  • Durch die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt wird es immer schwieriger, Mitarbeiter für interne Stellen als auch beim externen Dienstleister zu finden, die ihren Lebensmittelpunkt an den Projektstandort verlegen bzw. reisebereit sind

Als Lösung bietet sich hier ein externes Testcenter an, das die notwendigen Tests aus der Ferne bzw. Remote betreut. Folgende Vorteile eines Remote-Einsatzes ergeben sich für den Kunden:

  • Geringere Kosten für den Testservice, da die Reise- und Unterbringungskosten wegfallen
  • Höhere Skalierbarkeit des Testpersonals, da der Dienstleister seine Auslastung an einem Standort optimieren und damit dem Kunden eine höhere Planungssicherheit bei der Bereitstellung der Ressourcen garantieren kann
  • Es sind durch die Konzentration auf die Standorte mehr Know-how-Träger und Experten für Sondereinsätze verfügbar
  • Durch die Zentralisierung bleiben die Testteams stabil, was eine Fluktuation des erworbenen Domainwissens vermindert

Darüber hinaus ergibt sich für den Dienstleister die Möglichkeit, das Testcenter an einem lieferstarken und lieferstabilen Standort zu eröffnen. Damit kann er die passenden Mitarbeiter finden und länger an sich binden.

Durch den Einsatz eines abgesetzten Testteams/Testcenters bzw. durch die räumliche Trennung zum Kunden taucht aber ein neues Problem auf, die sogenannte Remote-Entfremdung. Diese drückt sich durch folgende Symptome aus:

  • Geschwindigkeitsnachteil aufgrund von technischen und kommunikativen Hürden
  • “Mangelhafte” Abstimmungen führen zu abweichenden Testergebnissen (von Kundenerwartung)
  • Durch mangelnde Transparenz entsteht beim Kunden ein Vertrauensverlust in die Testergebnisse
  • Durch die räumliche Trennung besteht für die Tester eine begrenzte Möglichkeit, das Domainwissen des Kunden aufzunehmen, was trotz guter Testexpertise zu falschen Testvorgehen führen kann

Um der Remote-Entfremdung entgegenzuwirken, haben wir ein Ansatz entwickelt, welcher die Vorteile eines abgesetzten Testcenters oder verteilten Testteams aufweist, aber dabei versucht, deren Nachteile so klein wie möglich zu halten.

Der Ansatz besteht aus der Optimierung unseres kundenorientierten Testvorgehens für den abgesetzten bzw. verteilten Testeinsatz und der Verwendung von ETEO, unserem bereits in Softwareentwicklungsprojekten etablierten Arbeitskonzept für verteilte Teams. Dabei werden sowohl beim Kunden ein kleines Vor-Ort-Büro als auch Arbeitsplätze an unseren Standorten (Remote-Büro) eingerichtet.

Das Vorgehensmodell unseres kundenorientierten Testvorgehens besteht aus drei Phasen: der Planung, der Transition und der eigentlichen Servicebetreuung. In der Planung werden die Machbarkeit geprüft und die vertraglichen Dinge geregelt. 

Abbildung 1: Vorgehensmodell gegen Remote-Entfremdung

Der Schwerpunkt liegt sowohl in einem Projekt mit Kundennähe als auch in einem abgesetzten Vorgehen auf der Transition.

Im ersten Schritt werden unsere IT-Experten und die des Kunden eingebunden. Sie identifizieren gemeinsam die technischen Rahmenbedingungen wie Remote-, Systemzugänge sowie Berechtigungen und verbinden außerdem das „Vor-Ort-Büro“ mit dem „Remote-Büro“.

Parallel dazu stimmen sich die Testverantwortlichen des Kunden mit unserer Test-Taskforce (unserem Testmanager und Testanalysten) ab. Zu den Aufgaben gehört es dabei, das Domainwissen und die Organisation des Kunden kennenzulernen, den Aufbau des Remoteteams zu organisieren (TM) und das „Vor-Ort-Büro“ sowie das „Remote-Büro“ einzurichten.

Grundlegend arbeiten die Tester Remote von ihrem heimatlichen Standort aus, aber im Rahmen der Transition findet eine mindestens sechswöchige Einarbeitung vor Ort beim Kunden statt. Dies ermöglicht zum einen den Testern das intensive Kennenlernen des Kunden und seiner Prozesse und zum anderen aber auch dem Kunden, sich mit dem Testteam bekannt zu machen. Grundlage der Einarbeitung ist ein expliziter Einarbeitungsplan, welcher durch den Testmanager erstellt und durch den Kunden reviewed wurde.

Während der eigentlichen Servicebetreuung kommen weitere Werkzeuge zum Einsatz, um der Remote-Entfremdung entgegenzuwirken. Das erste Werkzeug ist die Test-Taskforce, welche aus unserem Testmanager und den Testanalysten besteht. Diese halten sich trotz Remote-Schwerpunkt des Projekts einen signifikanten Teil beim Kunden auf. Dabei finden verschiedene Szenarien Anwendung: Der Testmanager ist mindestens zwei Tage vor Ort beim Kunden und die restliche Zeit beaufsichtigt er das Team. In Spitzenzeiten bzw. zu wichtigen Anlässen verweilt der Testmanager länger beim Kunden vor Ort. Für die Testanalysten wäre ein ähnliches Set denkbar. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass die Testanalysten sich wechselseitig vor Ort beim Kunden und im Remote-Büro (z. B. im Wochenwechsel) abwechseln. Die Testanalysten benötigen weitestgehend gleiches Know-how (Domainwissen), um sich im Ernstfall auch vertreten zu können. Durch den Besuch im Remote-Büro erfolgt automatisch die Wissensvermittlung durch die Testanalysten an die Tester. Auch für die Testanalysten gilt, dass sie in Spitzenzeiten länger bzw. sogar zeitgleich vor Ort beim Kunden sein können. Durch dieses Konzept lassen sich die Reisekosten um 25 % einsparen.

Ein zweiter Aspekt zur Reduktion der Remote-Entfremdung ist die Nutzung von ETEO. ETEO – Ein Team Ein Office ist unser innovatives Konzept für die verteilte Zusammenarbeit und eine moderne Form der Zusammenarbeit, bei der alle Beteiligten von verschiedenen Standorten aus gemeinsam an einem Szenario arbeiten können. 

Durch den gezielten Einsatz von Technik, Methoden und dafür ausgebildetem Personal ist ein Vorgehensmodell entstanden, das Reisekosten auf ein Minimum reduziert und die Transparenz über alle Zyklen des Testprojekts als oberste Priorität versteht.

Teil des ETEO-Konzeptes ist ein kurzes verteiltes Daily, das sogenannte “test thing”. Ziel der täglichen Abstimmung ist der Bericht des Status, die Benennung von Behinderungen und die Planung des Tages. Durch die Technik des ETEO-Konzepts können alle Beteiligten vor Ort und im Remote-Büro teilnehmen. Zur Abstimmung der Tagesplanung kommt ein elektronisches Aufgabenboard (eteoBoard) zum Einsatz.

An den Remote-Standorten findet ein zyklischer Wissenstransfer (bspw. alle 14 Tage) für alle Teammitglieder statt. Diese Termine dienen neben dem Wissensaustausch und Wissensaufbau auch der Durchführung von Retrospektiven, um ggf. Probleme zu dokumentieren und den Testprozess zu verbessern.

Darüber hinaus kommen noch weitere Werkzeuge zum Einsatz. Mit regelmäßigen Statusreports durch den Testmanager wird eine Transparenz für den Kunden, aber auch für das gesamte Team erreicht. Erweitert wird diese Transparenz durch den Aufbau eines Dashboards, was basierend auf dem verwendeten Testmanagementwerkzeug für alle Beteiligten wichtige, mit dem Kunden abgestimmte, Kennzahlen darstellt.

In nahezu allen Branchen entlang der IT-Herausforderungen, aber besonders in der QA, ist das notwendige Skalieren zum Hauptproblem Nummer 1 erwachsen. Selbst die Verstärkung durch externe Kräfte ist zum einen nicht immer möglich und/oder bringt zum anderen neue Herausforderungen mit sich. Eine Lösung sind eingespielte Teams, um hochqualifizierte Qualitätsbeurteilungen Ihrer Software zu kontinuierlichen Services erwachsen zu lassen.

Mit dem beschriebenen Ansatz kann man in den Ressourcenpool der skalierfähigen Saxonia-Standorte zugreifen, wie z.B. Leipzig, Dresden oder Miskolc und dabei durch die passenden Werkzeuge und Vorgehensweisen der Remote-Entfremdung entkommen.

Kay Grebenstein ist Diplom-Informatiker und arbeitet als Testmanager für die Saxonia Systems AG, Dresden. Er hat in den letzten Jahren in klassischen und agilen Projekten unterschiedlicher fachlicher Domänen (Telekommunikation, Industrie, Versandhandel, Energie, …) Qualität gesichert und Software getestet. Die gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse stellt er auf Konferenzen, in Publikationen und auf vielen anderen Wegen vor.

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